1. Das Verfahren
2. Die Zielgruppen
3. Der Einbezug der Eltern in interdisziplinäre Gespräche
4. Die Fachpersonen
5. Die Regeln der Gesprächsführung
6. Die Moderation
1. Das Verfahren
Das Verfahren verhilft zu einer effizienten Gesprächsführung in interdisziplinären Gesprächen.
In diesen Gesprächen sind alle in die Arbeit mit einem Kind/Klienten involvierten Fachpersonen
einbezogen.
Die Eltern, resp. die Erziehungsverantwortlichen sind gleichzeitig anwesend.
Eltern und Fachpersonen sitzen in getrennten Kreisen im selben Raum, damit wird das gegenseitige
Anhören und sich aufeinander Beziehen gefördert.
Das Gespräch wird durch eine neutrale, aber anteilnehmende Moderation geleitet, was gleichzeitig
eine Offenheit und Strukturiertheit der Gesprächssituation garantiert.
Das K.R.E.I.S.-Verfahren baut auf folgenden Mitteln auf:
Gleichberechtigung aller Beteiligten
Wertschätzung aller Äusserungen
Akzeptanz von Verschiedenheit
Ausschalten von unausgesprochenen Machtansprüchen
Eröffnen von Freiräumen für das Zuhören und das Sprechen
Klärung von Rollen und Verantwortlichkeiten
Verwendung von Alltagssprache und Schaffen von Transparenz
Schaffen von Klarheit über die eigenen Aufgaben
Ermöglichen einer veränderten Wahrnehmung von Problemfeldern („Perspektivenverschränkung“)
2. Die Zielgruppen
Das K.R.E.I.S.-Verfahren wurde für den Einsatz in der Heilpädagogischen Früherziehung/Frühförderung
entwickelt, in diesem Bereich in einer dreijährigen Studie erprobt, und es hat sich dort als praktikabel
und effizient erwiesen. Bezüglich Behinderungsart und sozialem Status der Familie sind keinerlei
Einschränkungen zu machen.
Gegenwärtig wird diese Art des Arbeitens auch in anderen sozialen, pädagogischen oder
therapeutischen
Feldern angewendet. Erfahrungen liegen vor
aus dem Sonderschulbereich (K.R.E.I.S.-Gespräche zwischen LehrerInnen, TherapeutInnen,
Schulleitung und Eltern),
in Wohnheimen für erwachsene Behinderte und Altersheimen (K.R.E.I.S.-Gespräche zwischen
BetreuerInnen, TherapeutInnen, Heimleitung und Angehörigen (Mütter, Geschwister), zum Teil im
Beisein der HeimbewohnerInnen (Zielperson)
3. Der Einbezug der Eltern in interdisziplinäre Gespräche
Das zentrale Kriterium für K.R.E.I.S. ist die Tatsache, dass die Eltern faktisch, moralisch und
juristisch die Hauptverantwortung für alle Massnahmen tragen, die ihr Kind betreffen. Deshalb gehören sie unabdingbar
dazu, wenn die Fachpersonen sich über notwendige und sinnvolle, das Kind betreffende, Massnahmen
verabreden und sich darüber austauschen.
K.R.E.I.S. trägt jedoch der Tatsache Rechnung, dass die Eltern - die zweifellos ihr Kind am besten
kennen - in einem grundsätzlich anderen Beziehungsverhältnis zu diesem stehen. Sie können ihre
"Rolle" nie abgeben.
Diese Tatsachen berücksichtigend, werden die Eltern in die Fachgespräche so einbezogen, dass sie
sich die Gespräche anhören, in den Verlauf einzelner Gesprächssequenzen jedoch nicht eingreifen
oder direkt zu Äusserungen Stellung beziehen. Auf der anderen Seite bietet K.R.E.I.S. ein Forum, in
dem die Eltern (in einer folgenden Gesprächsequenz) im geschützten Raum ihre Sicht der Dinge, ihre
Ängste und Meinungen, Unsicherheiten, Fragen und Widersprüche einbringen können. Somit können sie
einerseits in aller Ruhe Stellung nehmen zu dem, was sie von den Fachpersonen hören, erhalten genügend
Zeit, ihre Fragen und Unsicherheiten zu formulieren, und werden nicht gedrängt, kurzfristige Entscheide zu
treffen. Andererseits ist die Situation so beschaffen, dass sie von den Fachpersonen besser
gehört und eher verstanden werden.
4. Die Fachpersonen
Eingeladen zu den K.R.E.I.S.-Gesprächen werden alle Personen, die an der Betreuung, Unterstützung
und Förderung eines behinderten Kindes und der Begleitung seiner Eltern beteiligt sind. Es sind dies
sämtliche Fachleute aus Pädagogik, Psychologie, Medizin, Therapie oder Sozialarbeit, die für das Kind
und die Eltern relevant sind. Ist die Anwesenheit aller relevanten Personen nicht gewährleistet, können
Konflikte (Bewertungen, Ausgrenzungen, Machtprobleme) entstehen, die einen konstruktiven
Gesprächsprozess verhindern, und die gerade durch K.R.E.I.S. verhindert werden sollen.
Da jedoch der Grundsatz der Freiwilligkeit gilt, ist es im Einzelfall nicht immer einfach, alle Personen
zur Teilnahme zu motivieren. Die „materiellen Kosten“ (insbesondere der Zeitaufwand) und die
„immateriellen Kosten“ (Verunsicherung, „Sich-in-die-Karten-schauen-lassen-Müssen“,
wenig Übung in der Darstellung
der fachlichen Tätigkeiten) können sich als Hürde erweisen.
Jedoch stellen sich nach einem ersten Gespräch mit hoher Wahrscheinlichkeit positive Effekte ein,
die solche Bedenken in den Hintergrund treten lassen.
5. Die Regeln der Gesprächsführung
Setting und Regeln unterscheiden sich grundlegend von herkömmlichen Gesprächssituationen, und sind
für die Teilnehmenden zunächst ungewohnt. Sie lehnen sich an die Regeln des „reflecting team“ an, in
dem die verschiedenen Rollenträger (in unserem Fall Eltern und Fachpersonen) nicht in denselben
Gesprächskreisen sitzen und in dem die direkte Kommunikation zwischen diesen beiden Gruppen nicht,
das gegenseitige Anhören und Sich-aufeinander-Beziehen jedoch sehr erwünscht sind. Die ModeratorIn
wendet sich jeweils der einen oder anderen Gruppe zu. Das Gespräch wird im gemeinsamen Kreis
begonnen und beendet.
Das „Sitzen in zwei Kreisen“ hat eine Schutzfunktion. Es schützt die Eltern vor der Übermächtigkeit der
Fachpersonen, schützt aber auch die Fachpersonen insofern, als es auch ihnen Freiräume für das Reden
und Zuhören eröffnet. Diese Art der Gesprächsregeln trägt auch wesentlich zur Entschärfung im
Falle von auftauchenden Konflikten bei.
Die Regeln der Gesprächsführung sind einfach und basal, beziehen sich v.a. auf empatisches Zuhören,
Öffnen und Strukturieren des Prozesses.
6. Moderation
Die Gespräche werden von einer nicht in den Erlebnis- und Arbeitszusammenhang involvierten Fachperson
mit allparteilicher (neutraler) Haltung moderiert. Die ModeratorIn setzt sich dabei jeweils zu der Gruppe, die
gerade am Sprechen und Austauschen ist, und ermöglicht dieser, ihre Gefühle, Gedanken usw. zu schildern,
resp. Themenbereiche auszuhandeln und die diesen Stellung zu beziehen.
Die Rolle der ModeratorIn ist dabei nicht leicht zu umschreiben: Sie wirkt als Katalysator, Sensor,
Verstärker, Vermittler, sie fokussiert, sortiert, strukturiert und tut noch vieles mehr.
Wesentlich sind dabei eine absolute Zurückhaltung, was inhaltliche Belange angeht, eine Einschränkung
hinsichtlich von Interventionen auf das absolute Minimum, eine deutliche Haltung hingegen, was die
Einhaltung der Regeln angeht. Als innere Haltung sind dabei eine grundsätzliche Offenheit und
freischwebende Aufmerksamkeit notwendig, ein inneres Mitschwingen mit allen Äusserungen und
Gefühlslagen der K.R.E.I.S.-TeilnehmerInnen, und ein sich freimachen von Bewertungen. Dies setzt
eine absolute Akzeptanz der durch K.R.E.I.S. vertretenen Ziele und der gewählten Mittel voraus sowie
eine tiefe Überzeugung, dass die Gruppe als Ganzes für die Familie und das Kind die beste Lösung
finden wird.

