Neuerscheinungen

Das K.R.E.I.S. - Verfahren in Familien mit Migrationshintergrund



Qualitätssicherung in der Frühförderung durch das

K.R.E.I.S.-Verfahren

Prof. Dr. Klaus HASEMANN


Ausgangsüberlegungen

Es ist eine altbekannte Erfahrung, dass die Kooperation zwischen Menschen nicht immer und nicht
ohne weiteres gelingt. Je größer die Anzahl der Personen, die zusammen-arbeiten sollen, je vielfältiger ihre Zusammensetzung, um so komplizierter wird es. In dieser Hinsicht stehen Fachleute medizinischer, pädagogischer und sozialer Berufe, die um das Wohl eines behinderten Kindes bemüht sind, vor einer besonders schwierigen Aufgabe, handelt es sich doch dabei zum einen um eine-meist-größere Anzahl von Fachpersonen unter-schiedlichster Profession, zum anderen aber um die Eltern des Kindes. Den Fachpersonen ist es auf-gegeben, Wege zu über-legen und zu gehen, die der Entwicklung des Kindes förderlich sind, und zwar miteinander - und darüber hinaus mit den Eltern. Es handelt sich also zweifellos um eine Kooperations-beziehung besonderer Art.

Wo immer der Erfolg einer Tätigkeit vom Funktionieren der Zusammenarbeit abhängt, sind grundlegende Überlegungen bezüglich ihrer Organisation erfor-derlich. Überall dort, wo man darauf verzichtet und es jedem einzelnen der Beteiligten überlässt, wie er sich zu den anderen verhält, besteht die Gefahr, dass die je individuellen Bemühungen nebeneinander her- oder sogar gegeneinander laufen. In der Frühförderung wirkt sich schlecht gelungene Kooperation gravierend zum Nachteil der Schwächsten, der Kinder, aus. Um die Qualität der Zusammen-arbeit zu sichern, bedurfte es dort besonders dringend eines innovativen Impulses.

Anknüpfend an eine von Andersen (1990) beschrie-bene Methode für die Durch-führung von Fachgesprächen unter Einbezug der Familien, genannt "das reflektierende Team", wurde erstmals 1993 für die Frühförderung ein als "kooperative Reflexion zwischen Eltern und inter-disziplinären Systemen" (K.R.E.I.S.) bezeichnetes Verfahren vorgestellt, das, von Ines Schlienger vom Heilpädagogischen Seminar Zürich entwickelt, zusammen mit Hedi Jantsch, Kassel, und Klaus Hasemann, Bonn, in einer dreijährigen Pilotphase in der Schweiz und in Deutschland erprobt wurde. Über die Ergebnisse wurde in mehreren Veröffentlich-ungen berichtet (z.B. in Peterander & Speck:

Frühförderung in Europa, 1996; in Frühförderung interdisziplinär, 1997).

Struktur

Alle Personen, die um die Betreuung und Förderung eines behinderten Kindes und die Begleitung und Unterstützung seiner Eltern besorgt sind, werden mit den Eltern zusammen zum gemeinsamen Gespräch eingeladen. Die Anwesen-heit aller relevanten Personen - also z. B. immer auch des Vaters des Kindes - muss gewährleistet sein. Geleitet wird das Gespräch von einer Moderatorin oder einem Moderator, denen die Fachlichkeit der Frühför-derung geläufig ist, die jedoch nicht in den spezi-fischen Zusammenhang eingebunden sind, der die Gesprächsteilnehmerinnen und Gesprächsteilnehmer zusammenführt, also Anlass für das Gespräch ist. Von zentraler Bedeutung sind drei strukturelle Elemente des Verfahrens: - die Anwesenheit aller in die Arbeit mit dem Kind einbezogenen Personen, - die Gleichzeitig-keit von Offenheit und Strukturiertheit der Ge-sprächssituation, - die neutrale, aber anteil-nehmende Moderation.

Moderation

Die Aufgaben der Moderation beschränken sich auf einige wenige, aber sehr wesentliche Aspekte der Gesprächsführung. Im Gegensatz zu der sonst meist üblichen Art und Weise darf die Moderation keine eigene Stellungnahme einbringen, Voten nicht unterbrechen, soll hingegen Langredende sanft ermahnen und Schweigende ermuntern. Auf diese Weise stellen die Regeln der Gesprächsführung im K.R.E.I.S.-Verfahren die Vermeidung herkömmlicher Gesprächsmängel sicher. Jeder Teilnehmende erlebt, dass alle anderen, ihm oder ihr aufmerksam zuhören und zu gegebener Zeit auf ihre Äußerungen reagieren.

Gesprächsablauf

Der Gesprächsablauf ist genau festgelegt. Zunächst sitzen alle Teilnehmer in einem Kreis. Danach
werden zwei Sitzgruppen gebildet - einerseits die Eltern, andererseits die Fachleute und zwar so, dass die eine Gruppe der anderen gut zuhören kann. Die Moderatorin verändert ihre Position je nachdem, welcher Gruppe sie sich zuwendet, was im Wechsel zwischen den beiden Gruppen erfolgt. Die jeweils andere Gruppe befindet sich strikt in der Position der Zuhörer. Thematik und inhaltliche Ziele des Gespräches werden allein von den Teilnehmern bestimmt, die Moderation enthält sich jeder persönlichen Stellungnahme, individuellen Gewichtung und fachlichen Äußerung.

Praxiserfahrung

Natürlich findet eine Menge von dem, was sich bei K.R.E.I.S. ereignet, anderweitig auch ohne K.R.E.I.S. statt. Das Besondere an diesem Verfahren ist aber, dass in den K.R.E.I.S.-Gesprächen alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer - Fachpersonen und Eltern - veranlasst werden, sich zu äußern, - alle gemeinsam hören, was jeder zu sagen hat, - jedem die Gelegenheit geboten wird, seine eigene Sichtweise allen Anwesenden mitzuteilen, - Eltern und Fachpersonen in ihren unterschiedlichen Rollen gewürdigt werden, indem ihnen ihre je eigene Position zuerkannt wird, die sie daraufhin gegenseitig, kooperativ reflektieren. Dadurch wird - über das Reden - Klärung der eigenen Position und Verständnis für die des anderen bewirkt.

Entwicklung und Vertiefung der Kommunikation

Die Fachleute werden durch die Anwesenheit der anderen Fachleute dazu angeregt, ihre Sichtweise
auf dem Hintergrund des jeweils anderen Fachgebietes vor allen Beteiligten zu begründen und zu
reflektieren. Die Eltern erleben in der einen oder anderen sie besonders bewegenden Frage eine
Rückenstärkung durch die ihnen sonst nicht gebotene Zusammenschau aller für die Entwicklung ihres Kindes wichtigen Gesichtspunkte. Für die Teilnehmer ist es im ersten K.R.E.I.S.Gespräch, an dem sie teilnehmen, ein Novum, in Gegenwart aller Fachpersonen und der Eltern Aussagen über ihre Arbeit mit dem Kind zu machen, und gleichzeitig die Äußerungen aller andren aufzunehmen und zu reflektieren. Die Sprechordnung - der Wechsel von Zuhören-Müssen ohne unterbrechen zu können und Sprechen-Dürfen ohne unterbrochen zu werden - bietet den Teilnehmern etwas, was sie aus anderen Gesprächssituationen so nicht kennen. Das gemeinsame Nachdenken und Sprechen über alles, was mit der Lebenssituation des Kindes zu tun hat, bewirkt eine Transparenz, die durch die Kontinuität der Gespräche zur Stimulierung der Motivation führt. Fachpersonen und Eltern fühlen sich mehr und mehr verbunden in dem Bewusstsein, miteinander einer Aufgabe verpflichtet zu sein. Wesentliche Effekte ergeben sich aus der Funktion der Moderation als "Katalysator". Die behutsame, aber bestimmte Leitung durch die Moderation trägt wesentlich zur Entschärfung bei, wenn im Gespräch Konflikte aufbrechen. Die von ihr gegebene Rückmeldung durch Zusammenfassung wesentlicher Punkte hat sich als wichtiges Element der Klärung und Orientierung
erwiesen.

Schlussfolgerungen

Die wesentlichen Merkmale der Wirksamkeit des K.R.E.I.S.- Verfahrens lassen sich am ehesten mit
"Verständnis" und "Identifikation" bezeichnen. Die Moderatorin/der Moderator eröffnen durch verlässliches Eingehen auf die Äußerungen jedes Teilnehmers wachsendes Verständnis für die Position des anderen und Relativierung der eigenen Sichtweise. Weil man sich verstanden fühlt, ist man bereit, sich auf neue Perspektiven einzulassen und sich mit den anderen zum Wohle des Kindes zu solidarisieren. Nach und nach bewirken die Gespräche deutliche Veränderungen im Förderprozess, die zwischen den Gesprächen kontinuierlich zunehmen. Die Abstimmung untereinander wird erheblich erleichtert und ermöglicht flexible Anpassung an veränderte Situationen: Abläufe werden beschleunigt, vollziehen sich reibungsloser. Fachpersonen erfahren eine deutliche Entlastung beim Vermitteln fachlicher Einsichten an die Eltern. Deren Vertrauen in die Bemühungen um ihr Kind wächst, weil sie diese erstmals höchst anschaulich als verbindendes Interesse aller Beteiligten erleben. Gerade in Übergangssituationen (z. B. Wechsel vom Kindergarten in die Schule) ist K.R.E.I.S. ganz besonders geeignet, Klärungsprozesse einzuleiten, Entscheidungsfindung zu erleichtern. Der Informationstransfer der Fachleute der abgebenden Institutionen
an die der aufnehmenden trägt wesentlich zu Vermeidung von Schwierigkeiten bei. In der dreijährigen Erprobungsphase hat sich gezeigt, dass das Verfahren in der Lage ist, die Qualität von Frühförderung zu steigern. Inzwischen wurden erste Schritte zur Implementation getan. Seither arbeiten geschulte Moderatorinnen und Moderatoren in Deutschland und in der Schweiz damit in der Alltagspraxis. Um verschiedenen Ansprüchen und Situationen entsprechen zu können, werden Varianten einzelner Komponenten des Verfahrens konzipiert und erprobt. Die Anwendung in anderen Bereichen pädagogischer Förderung ist vorgesehen und wünschenswert.

Literatur beim Verfasser:
Prof. Dr. Klaus Hasemann
Auf dem Köllenhof 32,
53343 Wachtberg


In: Deutsche Behinderten-Zeitschrift 3/99 (36.Jg.), S. 16-17